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1.1
Soziologie und Medien der Vergesellschaftung |
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Nicht alles ist Soziologie. Mit einer
gewissen Spitzfindigkeit ließe sich sogar sagen, dass Soziologie
sich nicht für Menschen interessiert. Denn das soziologische
Interesse am Menschen sind dessen Handlungen, dessen soziale Beziehungen
und dessen Kommunikationen. Soziologie will nicht wissen, was der
Mensch ist, sondern was eine Gesellschaft ist. Als Wissenschaft beginnt
Soziologie dort, wo sie sich ihren Gegenstandsbereich definiert. Eine
Definition der Soziologie von Hans Joas ist folgende: „Die Soziologie
untersucht die Arten und Weisen, wie das menschliche Leben sozial
organisiert wird“ (Joas, 2001, S. 11). Sie bemüht sich
darum, die sozialen Beziehungen zwischen Menschen zu charakterisieren
und zu verstehen. Um ihr Forschungsziel zu erreichen, setzt die Soziologie
empirische Forschungsmethoden ein, z.B. wenn sie soziale Beziehungen
mittels Befragungen und Beobachtungen untersuchen möchte. Insbesondere
das Internet eröffnet der Online-Forschung neue empirische Befragungsmethoden
(z.B.: www.online-forschung.de). Das zweite wissenschaftliche Fundament
ist die soziologische Theorie, die sich beispielsweise darum bemüht,
die sozialen Beziehungen, soziale Ungleichheit und soziale Mobilität
in der Gesellschaft als Ganzes zu beschreiben. In vielen Fällen
wird die soziologische Theorie in die allgemeine Soziologie eingereiht.
Zur soziologischen Theorie gehören aber auch die vielen speziellen
Soziologien oder so genannten Bindestrichsoziologien, wie z.B. Mediensoziologie,
Kommunikationssoziologie, Techniksoziologie, Wissenssoziologie usw.
Die empirische und theoretische Methodik macht die Soziologie zu einer
Wissenschaft, die hinsichtlich ihrer Forschungsgebiete ähnlich
fein gefächert ist wie die Gesellschaft selbst. Im Erkenntnisinteresse
der Soziologie steht immer die Gesellschaft, ganz gleich welcher soziale
Bereich untersucht wird. Die grundlegende, soziologische Frage hinsichtlich
der vernetzten, interaktiven Medien lautet: Wie ist Gesellschaft möglich,
wenn ihre gesellschaftliche Ordnung durch vernetzte, interaktive Medien
unterstützt wird?
Hinsichtlich der digitalen Medien verstärkt die Soziologie seit
den 70er Jahren ihre wissenschaftlichen Anstrengungen. Und trotzdem
hat sie bis heute Mühe, Entwicklungen der Informations- und
Kommunikationstechnik (IuK) in ihre Forschungsergebnisse einfließen
zu lassen. Denn die Wechselbeziehung von Gesellschaft und Informationstechnik
(IT) zieht einen beschleunigten Wandel nach sich, der den Bedarf an
soziologischer Theorie und soziologischer Empirie drastisch verstärkt.
Zudem ändert sich die Art und Weise menschlichen Lebens infolge
innovativer Informationstechniken in zunehmend kürzer werden
Zeitabständen. Was sich jedoch trotz der vielfältigsten
Informationstechniken nicht verändert hat, ist die soziale Motivation
des Menschen, auf welche Art und Weise auch immer mit anderen Menschen
in Kontakt zu treten. Solange Menschen motiviert sind, wechselseitig
mittels Medien sozialen Kontakt aufzunehmen, findet die Soziologie
ihren Gegenstand „Vergesellschaftung“ im Zusammenhang
mit Informationstechniken vor.
Eine der ersten Autorinnen, die aus soziologischer Perspektive über
Informationstechnik berichtete, war Sherry Turkle. Sie und viele andere
erlebten das Internet als ein Medium, das ihnen ganz unerwartet viele
soziale Beziehungen einbrachte. Ihre Begeisterung ist noch heute
in den Sätzen zu spüren, mit denen sie das Internet beschreibt.
Sie macht glaubhaft: „Wir beginnen uns mit anderen Augen zu
sehen, sobald wir unser Bild im Spiegel des Computers erblicken. […]
Ein rasant expandierendes System von Netzen, die in ihrer Gesamtheit
als Internet bezeichnet werden, verbindet Millionen von Menschen in
neuen Räumen, die unsere Denkweise, den Charakter unserer Sexualität,
die Form der Gemeinschaftsbildung, ja unsere Identität selbst
verändern“ (Turkle, 1999, S. 9). Dieses „Leben im
Netz“ war es, das Sherry Turkle faszinierte und das sie in ihrem
gleichnamigen Buch beschrieb. Das Internet ist für sie ein fester
Teil des Alltagslebens. Wie Turkle erledigen auch andere ihre elektronische
Post, ihre Einkäufe und ihre Bankgeschäfte im Internet.
Dort kommunizieren sie ebenfalls mit ihren Familien, Freunden und
Bekanntschaften per E-Mail, Chat, SMS (Short Message Service) oder
Internet-Telefonie. Mittels der vernetzten, interaktiven Medien organisieren
sich Individuen, um sich in Gruppen, Communities, Vereinen, Verbänden,
Newsgroups oder Mailinglisten usw. zusammenfinden.
Die oben beispielhaft aufgezeigten Medien ermöglichen soziale
Beziehungen, die einer der Begründer der deutschen Soziologie,
Georg Simmel (1858–1918), folgendermaßen formulierte:
„[…] der Mensch sei in seinem ganzen Wesen und allen Äußerungen
dadurch bestimmt, dass er in Wechselwirkung mit andern Menschen lebt“
(Simmel, 1908, S. 2). Sobald Individuen chatten, telefonieren, simsen
(SMS schicken), treten sie in Wechselwirkung zueinander. Sie organisieren
ihre sozialen Beziehungen mittels Kommunikationsmedien, wie Turkle
oben dokumentierte. Soziale Wechselwirkungen mittels Kommunikationsmedien
sind heutzutage alltäglich. Nahezu jeder telefoniert, sieht Fernsehen
und hört Radio. Etwas weniger alltäglich ist das Internet
für die Gesamtheit der deutschen Gesellschaft. Im Jahr 2006 nutzten
58,2 Prozent der deutschen Bevölkerung das Internet und 6,1
Prozent planten noch innerhalb des Jahres 2006 das Internet zu nutzen
(vgl. Emnid (N)Onliner Atlas, 2006). In privaten Haushalten waren
Individuen hauptsächlich daran interessiert, per E-Mail zu kommunizieren.
Das Internet nutzten sie zu 75 Prozent für die Anwendung E-Mail.
Für die Suche nach Informationen über Produkte und Dienstleistungen
verwendeten immerhin noch 65 Prozent das Internet (vgl. Statistisches
Bundesamt, 2004). Als Kommunikationsmedien nutzen also bisher keineswegs
alle Bundesbürger das Internet, um mit anderen Individuen in
einen sozialen Kontakt zu treten.
Doch ganz gleich ob Menschen mittels Computern, Fernseh- und Radioapparaten
oder Tele-fonen kommunizieren – an dem Punkt der sozialen Organisation
von Individuen mittels Medien existiert Gesellschaft. Denn Gesellschaft
ist nach Simmel der Begriff, der die Gesamtheit der Wechselwirkungen
zwischen mehreren Individuen benennt (vgl. Simmel, 1890, S. 5, 130f.).
Gesellschaft existiert für Simmel überall dort, „wo
mehrere Individuen in Wechselwirkung treten“ (Simmel, 1890,
S. 4). Seine Ausgangsfrage ist: Wie ist Gesellschaft möglich?
In unzulässiger Verkürzung lautet seine Antwort, dass soziale
Wechselwirkungen das Netzwerk der Gesellschaft knüpfen (vgl.
Simmel, 1890, S. 30). An diesen sozialen Kontakten zwischen Individuen
sind heutzutage zunehmend vernetzte, interaktive Medien beteiligt.
Zweifellos führt Simmel mit dem Begriff der sozialen „Wechselwirkungen“
eine vereinfachte Erklärung ein, auf welcher notwendigen Bedingung
eine Gesellschaft basiert. Implizit wies Simmel jedoch auf die Bedeutung
der Medien für die Entwicklung einer Gesellschaft hin. Denn mittels
Medien organisieren sich Individuen als Gesellschaft. Insbesondere
in modernen Gesellschaften werden zunehmend mehr vernetzte, interaktive
Medien von Individuen verwendet, um an der globalen Weltgesellschaft
zu partizipieren. Die Soziologie sieht sich daher herausgefordert,
zu untersuchen, wie vernetzte, interaktive Medien auf ihre Weise soziale
Wechselwirkungen ermöglichen. Gewiss setzen Individuen seit langem
Medien ein, um sich zu vergesellschaften. Neu ist, dass vernetzte,
interaktive Medien für soziale Kontakte sorgen, die zusehends
die Richtung einer Weltgesellschaft einschlagen oder auch begünstigen.
Infolge des erdumspannenden Internets können die NGOs Attac (www.attac.org)
und World Vision (www.wvi.org) sowie die Softwareinteressierten von
www.linux.org und www.gnu.org große soziale Netzwerke organisieren,
in denen Individuen sich zunehmend als vernetzte Weltgesellschaft
verstehen. Eine Gesellschaft – so erdumspannend sie sich auch
organisiert – verharrt nicht unverändert. Auch Simmel verstand
Gesellschaft als unablässig im Wandel begriffen. Die Dynamik
und der Wandel der Gesellschaft gehen ursächlich auf den Vergesellschaftungsprozess
zurück, den Individuen vermöge ihrer Kommunikation und ihrem
sozialen Handeln betreiben und verändern (vgl. Simmel, 1890,
S. 5). Gesellschaft basiert auf immerwährender Vergesellschaftung.
Sie existiert nicht als eine, die einmal aufgebaut für alle
Zeiten Bestand hat. Sondern Gesellschaft basiert darauf, dass sie
im Prozess der Vergesellschaftung immer wieder aufs Neue von Individuen
reproduziert wird.
An dieser Reproduktion sozialer Beziehungen sind vielerlei Medien
beteiligt. Medien übernehmen eine Vermittlerposition zwischen
den Individuen und der Gesellschaft. Deshalb beeinflussen sie die
Vergesellschaftung in ganz unterschiedlicher Weise. Beispielsweise
verändern Medien das Handeln von Menschen gegenüber Gegenständen.
So handeln Menschen in „Gemischten Realitäten“ (Mixed
Realities) infolge von Informationen, die sie aus der realen Welt
und der multimedialen Umgebung beziehen. Neben dem alltäglichen
Handeln verändern Medien zudem das „soziale Handeln“
zwischen Menschen. So verändern sie die Weisen, wie Individuen
aufwachsen und sich in die Gesellschaft einfinden – d.h., Medien
verändern die Sozialisation der Individuen. Andererseits beeinflussen
Medien soziale Strukturen in der Weise, wie z.B. Traditionen weitergeben
werden, Arbeit verteilt und erledigt wird oder Unternehmen mit ihren
Kunden kommunizieren. Alle aufgezeigten Beispiele verweisen auf die
bedeutsame Rolle der Medien für den gesellschaftlichen Wandel
in politischen, demografischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen
Kontexten. Wer keine Zeitung liest, nie Fernsehen sieht, das Internet
meidet und nicht Radio hört, nimmt an vielen Bereichen der Gesellschaft
nicht teil. Zugespitzt formuliert Steinmaurer den Einfluss der Medien
dahingehend, „dass es immer unwahrscheinlicher wird, in der
Gesellschaft, aber außerhalb der Medien zu leben“ (Steinmaurer,
2003, S. 108). Insbesondere die Begriffe der Medien- und Informationsgesellschaft
verweisen darauf, dass wir uns mehr und mehr mittels Medien zu Gesellschaften
bzw. zur Weltgesellschaft organisieren. Medien tragen also wesentlich
zur Vergesellschaftung der Individuen bei.
Vom Standpunkt der Soziologie aus kann der gesellschaftliche Wandel
nicht angemessen erklärt werden, wenn Medien und ihre gesellschaftshistorische
Rolle außer Acht gelassen werden. „Denn die Herausbildung
neuer und der Funktionswandel bereits etablierter Medien vollzog sich
stets in zeitlicher Parallele zu größeren gesellschaftlichen
Veränderungen“ (Behmer u.a., 2003, S. 7). Die Wechselbeziehung
zwischen Gesellschaft und Informationstechnik ist innerhalb der Soziologie
unstrittig. Doch die wissenschaftlichen Ansätze variieren stark,
sobald die technischen und sozialen Einflussgrößen des
gesellschaftlichen Wandels analysiert werden. Die technikdeterministischen
Theorien der Soziologie gehen davon aus, dass die Technik den sozialen
Wandel herbeiführt. Indessen soziotechnische Theorien der Soziologie
annehmen, dass die sozialen und ökonomischen Einflussgrößen
dominieren, wenn der gesellschaftliche Wandel in der Zusammenschau
mit Informationstechnik erklärt werden soll. Technikdeterministische
und soziotechnische Theorien konkurrieren um den stimmigsten Erklärungsansatz.
Solche Diskussionen sind zweifelsohne das „Geschäft“
der Soziologie. Einig sind sich Soziologen darin, und Informatiker
sehen es ebenso, dass „nicht alle technisch machbaren Anwendungen
im Medienbereich in den Nutzungsalltag der Menschen ohne Probleme
eingepasst werden können“ (Steinmauer, 2003, S. 112). Ebenso
sind zahlreiche Faktoren der Gesellschaft für die Akzeptanz einer
Computertechnik entscheidend. Beispielsweise prognostizierte Alvin
Toffler in den siebziger Jahren, dass es nur einige Jahre dauern würde,
bis die Hälfte aller Arbeitsplätze in der heimischen Wohnung
eingerichtet wäre. Bis heute hat sich die Prognose nicht bewahrheitet.
Hinsichtlich der Teleheimarbeit argumentiert Dostal, dass sich Erwerbsarbeit
aufgrund organisatorischer und rechtlicher Rahmenbedingungen nur schwer
in die Privatsphäre integrieren lässt (Dostal, 1995, S.
131).
Die allgemeine Soziologie betrachtet die Informationstechnik unter
der Perspektive ihrer Stellung in der Gesellschaft. An Medien und
Informationstechnik ist sie interessiert, weil Individuen mittels
Medien kommunizieren und sich vergesellschaften. Anlass zur soziologischen
Diskussion bietet selbstverständlich die Frage, wie die Medien
die Gesellschaft verändern und wie die Mediennutzung der Individuen
diese beeinflusst. Doch ganz gleich wie diese Frage zu entscheiden
ist, wenn Informationstechniken in die Gesellschaft integriert sind,
findet die Soziologie ihren Untersuchungsgegenstand in Form einer
vorhandenen oder potenziellen sozialen Resonanz auf die Technik. Der
Wechsel der wissenschaftlichen Perspektiven gehört dabei zu
den Basisqualifikationen, mit denen Soziologie interdisziplinär
auf die Verwendung von Computertechniken schaut. Dabei sind nicht
nur die Medien im Speziellen relevant, sondern im Allgemein alle
computerbasierten Systeme, die Individuen beabsichtigt oder unbeabsichtigt
verwenden. Aus diesem Grund ist selten von einem einzigen wissenschaftlichen
Standpunkt heraus abzuschätzen, welche Informationstechniken
zu welchem Zeitpunkt für den gesellschaftlichen Wandel bedeutsam
werden. Genauere Einschätzungen benötigen die Variation
der soziologischen Perspektiven, wie sie in den weiter oben genannten
speziellen Soziologien bestehen. Zu den für die multimedialen,
interaktiven Systeme bedeutsamsten speziellen Soziologien gehören
die Mediensoziologie, die Kommunikationssoziologie sowie die Techniksoziologie.
Allgemeine Soziologien sowie universale Theorien dürfen selbstverständlich
nicht wegfallen, wenn die Gesellschaft insgesamt dargestellt werden
soll. Sobald alle sozialen Lebensbereiche beachtet werden, in denen
Informationstechnik verwendet wird, gewinnen ebenfalls auch Wissens-,
Gruppen-, Kunst- und Kulturso-ziologien an Erklärungskraft.
Die soziologischen Disziplinen antworten quasi auf meine Ausgangsfrage:
„Wie analysiert Soziologie die Medien der Vergesellschaftung?“
Denn die allgemeinen und speziellen Soziologien fokussieren sich
innerhalb ihrer Perspektive darauf, wie Informationstechnik soziale
Wechselwirkungen verändert. In dem jeweiligen soziologischen
Fokus steht dann beispielsweise die Frage, wie Informationstechnik
auf Gruppen, Individuen, Kultur, Kommunikation, Ethik, Wissen, Information,
Netzwerke, Kunst, Arbeit, Städte etc. wirkt. Soziologie als wissenschaftliches
Programm nimmt sich vor, einerseits auf Veränderungen der Gesellschaft
zu reagieren und andererseits diese Veränderungen aus unterschiedlichen
Perspektiven darzustellen. Eine sensitive Soziologie spricht gegenüber
dem gesellschaftlichen Wandel selbstverständlich nicht immergültige
Wahrheiten aus, sondern bietet aktuelle Orientierung. Um diese Orientierung
hinsichtlich des sozialen Wandels zu leisten, bieten sich die Technik-
und Mediensoziologie als wissenschaftliche Leitidee für eine
Soziologie vernetzter Medien an. Jene beiden speziellen Soziologien
haben eine empirische und theoretische Basis, um unterschiedliche
soziale Facetten multimedialer, interaktiver Systeme aufzuzeigen.
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1.1.1
Technik- oder Mediensoziologie als Leitidee |
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Techniksoziologie stellt sich die Aufgabe,
den Zusammenhang von Gesellschaft und Technik zu beschreiben. Sie
beobachtet, wie sich Gesellschaft durch den Einsatz der Technik verändert
und welche Folgen eine Technik für die Gesellschaft hat (vgl.
Degele, 2002, S. 7). Zur Technik zählen beispielsweise Autos,
Kühlschränke, Kernkraftwerke, Flugzeuge usw. genauso wie
SMS, Internet, Computerchips und alle anderen Formen der Informationstechnik.
Im alltäglichen Sinne wird heutzutage all das als Technik bezeichnet,
was die Kultur an Maschinen und Geräten, sowie deren Herstellungsverfahren
und Verwendungsweisen hervorgebracht hat. Neben diesem alltäglichen
Technikbegriff arbeiten Soziologen selbstredend auch mit detaillierteren
Begriffen.
In soziologischer Theoriestrategie stellt Nina Degele einen dreigliedrigen
Technikbegriff vor. Nach ihrer aktuellen Definition ist im Begriff
der Technik der „Aspekt der Materialität, zweitens der
Handlung und drittens des Wissens berücksichtigt“ (Degele,
2002, S. 19).
• Technik ist materiell: In erster Facette benennt Technik einen
durch menschliche Einwirkung hergestellten Gegenstand, ein so genanntes
Artefakt. Zu solchen materiellen Artefakten gehören Computerchips,
Tastaturen, Bildschirme, Informationstechnik und alle anderen Gegenstände,
die durch eine Kulturpraktik hervorgebracht wurden.
• Technik ist Handlung: In der zweiten Facette berührt
der Begriff „Technik“ das alltägliche Handeln des
Menschen in der Praxis. Solche „Formen des Handelns“ können
z.B. Techniken sein, die als Tanz-, Schauspiel- oder Sprechtechniken
entwickelt wurden.
Ebenfalls erfordert die Handhabung vernetzter, interaktiver Medien
diverse „Formen des Handels“. Dazu gehören beispielsweise
Techniken der Bedienung einer Benutzungsschnittestelle oder spezifische
Programmiertechniken.
• Technik als Form des Wissens (Technologie): Drittens ist mit
dem Technikbegriff ein spezifisches Wissen um die Formen der Technikverwendung
gemeint. Im Sinne von Know-how ist mit Technik ein Wissen definiert,
„das hinter der Entwicklung oder Nutzung von jeglichen Artefakten
oder Handlungsweisen steckt“ (Degele, 2002, S. 20). Das Programmieren
oder das Visualisieren eines Codes basiert beispielsweise auf dem
Wissen, was Computersprachen, Computersysteme und menschliche Wahrnehmung
leisten können. Seit dem 18. Jahrhundert wird in Europa das systematisierte
Wissen um eine Technik als Technologie definiert. Der Begriff „Technologie“
ist allerdings wesentlich älter. Schon die Griechen sprachen
mit Technologie (technología) die Lehre von der Technik und
deren Anwendung an. Gegenwärtig unterscheiden manche Soziologen
nicht mehr zwischen Technik und Technologie, weil Wissen selbst zu
einer codierten Wissenstechnik wird und auch eine Technisierung der
Wissenschaft und Wissensvermittlung eingetreten ist. Trotzdem verwenden
weiterhin viele die Unterscheidung von Technik als Fertigkeit und
Technologie als Lehre von der Technik. Mit der Telefontechnologie
als „Lehre von der Telefontechnik“ lässt sich nicht
telefonieren, indessen sich die Telefontechnik „als Fertigkeit“
für ein Telefongespräch nutzen lässt. Im Folgenden
wird so weit wie möglich die moderne Technikdefinition verwendet
– also auch die Lehre und Form des Wissens weitgehend als Technik
angesprochen und seltener der Begriff der Technologie verwendet.
Wenn von Technologie die Rede ist, dann ist immer ausschließlich
die „Lehre von der Technik“ gemeint, die Theorie also.
Technologie ist demnach ein kleinerer Teilbereich der Technik einer
Gesellschaft. Je bedeutender eine materielle Technik für eine
Gesellschaft war, umso stärker verwiesen Soziologen auf mögliche
Verluste in unserer Kultur. Georg Simmel sah beispielsweise die
Tragödie der Kultur darin begründet, dass mit der arbeitsteiligen
Massenproduktion die individuelle Kontrolle über die kulturelle
Technik verloren geht (vgl. Simmel, 1983). Günter Anders verbindet
in den 60er Jahren mit moderner Technik eine aufkommende Apokalypse,
deren Symbol „Hiroshima“ noch heute darstellt (vgl.
Anders, 1987). Und Theodor W. Adorno und Max Horkheimer bezichtigten
die so genannte Kulturindustrie, dass diese mittels Massenmedien
das Bewusstsein der Individuen fesselt und letztendlich um das Wahre
„betrügt“ (vgl. Horkheimer & Adorno, 1997).
Alle genannten Autoren definieren die materielle Technik der modernen
Industriegesellschaft als tendenziell außersozial, menschen
und gesellschaftsfeindlich. Ohne Frage folgte bisher aus jeder
Technik auch ein Problem in der Gesellschaft und selbstverständlich
sprechen kritische Soziologen viele der unerwünschten Technikfolgen
an, weil es ihre wissenschaftliche Berufung ist und weil es ihre
ethisch-politische Pflicht ist. Die kritische Soziologie verdient
Beachtung.
Heutzutage relativiert die noch junge Disziplin Techniksoziologie
ihre kritikfreudigen Wurzeln. Für sie gehört Technik
zu den sozialen Tatsachen des Alltags. Denn inzwischen können
Soziologen nicht mehr Soziales durch ausschließlich Soziales
erklären, sondern sehen sich gezwungen, Technik als Medium
zu beschreiben, in dem sich die Sozialität der Individuen erst
ermöglich. Insbesondere die Informationstechnik kann selten
noch als ein „außersozialer“ Tatbestand gesehen
werden. Oft wirkt die Informationstechnik direkt auf soziales Handeln
ein und ist auch derart intendiert, wie z.B. im Fall von kooperativen
Arbeiten, Lernen und Spielen auf diversen Plattformen im Internet.
Techniksoziologie reagiert darauf, wie sich soziale Beziehungen
beispielsweise durch Instant Messaging (IM), Short Message Service
(SMS), Multimedia Messaging (MMS), E-Mail oder „intelligente“
Smart Chips in Kleidung bzw. Lebensmittelverpackungen verändern.
Auf die Entwicklung der Technik reagiert die Techniksoziologie seit
langem (vgl. Rammert, 1993, 2000). Zum einen hat sie wissenschaftliche
Methoden entwickelt, um planmäßig, systematisch und
organisiert technische Systeme zu bewerten und zu entwickeln. Dieser
techniksoziologische Zweig wird eher der Technikfolgenabschätzung
zugerechnet. Zum anderen analysiert Techniksoziologie, welche sozialen
Dynamiken dafür verantwortlich sind, dass beispielsweise manche
Kommunikationstechniken eher als andere von Individuen angenommen
werden. Sie zeigt also auf, wie Technikentwicklung selbst von sozialen
Prozessen bestimmt wird. Soziale Kommunikationsprozesse sorgen beispielsweise
dafür, dass nach dem unerwarteten Erfolg von SMS im Mobilfunk
auch MMS entwickelt wurde. Ob jedoch die Multimedia Message mit
Bild und Ton in europäischen Gesellschaften ebenfalls so erfolgreich
sein kann wie in asiatischen Gesellschaften, wird die aktuelle soziale
Praxis zeigen.
Die Medien- und Kommunikationssoziologie bietet ein weiteres Erkenntnisinteresse
an, auf das eine Soziologie vernetzter Medien zu achten hat. Wie
bereits der Name der Medien- und Kommunikationssoziologie besagt,
fragt sie danach: Wie verändern Medien die Kommunikation von
Individuen? Gegenüber der Techniksoziologie spezialisiert sich
die Medien- und Kommunikationssoziologie auf die Techniken, die
als Medium der Kommunikation ihre Funktion erfüllen. Rundfunk,
Zeitungen, Fernsehen, Buchdruck, Telegrafie, Computer und auch das
Internet werden beispielsweise als Medien betrachtet. Allen Medien
ist eigen, dass Individuen sie nutzen, um zu kommunizieren und sich
zu informieren. In diesem Sinne wird der Begriff „Medium“
dem alltäglichen Sprachgebrauch gerecht, der das Medium in
der Bedeutung von „Mittel“ oder „Vermittelndes“
versteht. Diese einfache Formulierung hat sein Pendant in einer
wissenschaftlichen Definition: Unter Medien werden materiell-mechanische
oder energetische Träger von Daten bzw. Informationseinheiten
verstanden, die im Sinne der drei medienlogischen Grundphänomene
der Speicherung, Übertragung und Bearbeitung von Daten fungieren
(vgl. Hiebel, 1998, S. 12). Neumann-Braun differenziert den Medienbegriff
in der Einführung zur Medien- und Kommunikationssoziologie
noch stärker. Er dehnt den Medienbegriff um weitere Funktion
der Medien aus, so dass er folgende sechs Aspekte unterscheiden
kann: „Aufnahme, Speicherung, Übertragung, Vervielfältigung,
und Reprodukti-on, Wiedergabe sowie Bearbeitung“ (vgl. Neumann-Braun,
2000, S. 30). Von diesen Aspekten muss ein Medium keineswegs alle
Aspekte beinhalten – das Medium „Luft“ beispielsweise
leistet nur die Übertragung von Schallwellen.
Im Mittelpunkt des Interesses stehen Medien, die eine Vermittlungsposition
zwischen Individuen und der Gesellschaft einnehmen. Computersysteme
betrachten Mediensoziologen daher weniger als Technik, sondern gemäß
ihrer Disziplin als ein Medium für Massenkommunikation. Ihre
Forschungsansätze stützt die Mediensoziologie auf drei
Bereiche. In der Rezeptionsforschung und Medieninhaltsanalyse untersucht
sie, wie das Publikum mit Massenmedien umgeht und was es dabei
inhaltlich erfasst. Im zweiten Bereich theoretisiert sie, welche
Rahmenbedingungen und Grenzen die mediale Kommunikation hat. Zu
nennen sind für diesen Theoriebereich z.B. die Kritische Medientheorie,
die poststrukturalistische Medienforschung sowie die Cultural Studies.
Ihr drittes Interesse betrifft die wirtschaftlichen, ökonomischen
und politischen Verhältnisse, die die Produktion von Information
in den Medien beeinflussen. Medien- und Kommunikationssoziologie
kritisiert dabei z.B. Machtverhältnisse, aufgrund derer Fernsehsender
oder Zeitungsverlage die Öffentlichkeit manipulieren könnten.
Die Anfänge der Mediensoziologie lagen in der Meinungs- und
Medienwirkungsforschung. Man erhoffte sich von der Forschung zur
Massenkommunikation eine Orientierung darüber, was Individuen
denken und wie sie handeln werden, wenn sie aus den Medien ihre
Information erhalten. Die Kritiker vermuteten, dass Medien eine
Gefahr für die kulturellen Werte darstellen bzw. die Gefahr
kultureller Normierung bergen. „Wir amüsieren uns zu
Tode“ betitelte Neil Postmann seine medienkritische Analyse,
die insbesondere das Fernsehen als eine Verdummung des Menschen
betrachtete. Demgegenüber erwarten die optimistischen Theoretiker
von den Medien positive gesellschaftliche Entwicklungen. Insbesondere
in vernetzten, interaktiven Medien sehen sie weiterhin das Potenzial,
der Gesellschaft mehr Demokratie, mehr Gerechtigkeit und die Beseitigung
sozialer Ungleichheit zu ermöglichen.
Ob Optimisten oder Pessimisten die zutreffende Einschätzung
haben, ist ungewiss. Doch gewiss ist folgende Einschätzung
von Niklas Luhmann: „Was wir über unsere Gesellschaft,
ja über die Welt in der wir leben, wissen, wissen wir durch
die Massenmedien“ (Luhmann, 1996, S. 9). Ohne Medien könnten
wir an der Weltgesellschaft nicht teilnehmen, darin ist sich die
Medien- und Kommunikationssoziologie sicher. Und trotzdem bleibt
die Verunsicherung, die Günter Anders kritisch gegenüber
den Medien äußert und die für das Internet als die
heutige Datenautobahn zu bedenken ist:
„Da es dem König aber wenig gefiel, daß sein
Sohn, die kontrollierten Straßen verlassend, sich querfeldein
herumtrieb, um sich selbst ein Urteil über die Welt zu bilden,
schenkte er ihm Wagen und Pferd. `Nun brauchst du nicht mehr zu
Fuß zu gehen´, waren seine Worte. ´Nun darfst
du es nicht mehr´, war deren Sinn. `Nun kannst du es nicht
mehr`, war deren Wirkung!“ (Anders, 1987, S. 97)
Günter Anders stand der Technik sowie den Medien kritisch
gegenüber. Gleichwohl hat er eine Formulierung dafür gefunden,
was eine „Botschaft des Mediums“ oder des Medieninhalts
für Individuen und soziale Systeme sein kann. Heutzutage würde
der König seinem Sohn natürlich ein Handy schenken, damit
der Junge immer seine Freunde anrufen kann und sich weniger allein
fühlt. Insgeheim erhofft sich der König aber, dass er
seinen Sohn stets kontrollieren kann. In der Wirkung könnte
es passieren, dass der Sohn seltener seine Freunde trifft, sondern
vergeblich zuhause auf einen Anruf seiner Freunde wartet oder immer
nur mit ihnen telefoniert, sie aber nicht so oft Face-to-Face trifft.
Technik als auch Medien beinhalten oft das Potenzial, das Gegenteil
von dem zu provozieren, was sie eigentlich verbessern wollten. Sowohl
der Pferdewagen als auch das Mobiltelefon veränderten die Gesellschaft.
Die genannten technischen Veränderungen haben in der Gesellschaft
sowohl etwas verbessert als auch verschlechtert. Welche unterschiedlichen
Potenziale in der Kommunikationstechnik vorhanden sind, untersucht
die Medien- und Kommunikationssoziologie mit empirischen Forschungsmethoden
und Theorien. Die jeweiligen Ergebnisse soziologischer Untersuchungen
sind niemals immer gültig, sondern befinden sich parallel zur
gesellschaftlichen Entwicklung im fortwährenden Wandel.
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1.2
Informatik und Gesellschaft |
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In Anbetracht der aufkommenden Informationsgesellschaft
schrieb der Soziologe C. Wright Mills (1916–1962) in den 60er
Jahren spöttisch: „Soziologie ist IBM + Realität +
Humanismus“ (zit. nach Abels, 2001, S. 49). In der heutigen
Netzwerkgesellschaft müsste der Satz in Richtung anderer IT-Unternehmungen
verändert werden. Im Kern bestätigt Mills die Trivialität,
dass Informationstechnik in der Gesellschaft vielfältige Auswirkungen
hat. Und er unterstreicht im Sinne der Medieninformatik, dass die
kundengerechte Visualisierung und Audiogestaltung auch die strategisch
geplante Selbstdarstellung des Unternehmens (Corporate Identity)
– hier beispielsweise IBM – meint. Ein solch großes
Unternehmen wie IBM drängt sich in die gesellschaftliche Realität,
nicht nur weil es Computersysteme anbietet, sondern weil es seine
unternehmerische Reichweite fortwährend und öffentlich visuell
kommuniziert. Das Beispiel von IBM belegt, dass von Beginn an die
Informatik einzelne Schwerpunkte beinhaltete, die sich auf die gesellschaftliche
Praxis beziehen. Dabei ist es zunächst unerheblich, ob unser
soziales Gefüge als Informations-, Wissens-, Medien- oder Netzwerkgesellschaft
beschrieben wird. Zentral ist vielmehr das Selbstverständnis
der Informatik, mit dem sie sich auf die soziale Praxis der Individuen
bezieht. Die oft gestellte Frage ist daher: Was ist Informatik? Und
wie wirkt Informationstechnik auf die Gesellschaft und umgekehrt?
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1.2.1
Was ist Informatik? |
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Was als Definition der Informatik
gilt, formulieren deutsche Informatiker in regelmäßigen
Abständen neu. Nordamerikanische Informatiker verfahren noch
etwas pragmatischer. Sie suchen keine Definitionen. Sie sprechen
von „Computer Science“ und meinen damit eine Wissenschaft,
die sich mit Algorithmen, Informationsverarbeitung, Hard- and Software
beschäftigt. Eine eindeutige Definition nennt weder die deutsche
Gesellschaft für Informatik (GI) noch die amerikanische Association
for Computing Machinery (ACM). Auch ein neuerer Sammelband mit
dem Titel „Das ist Informatik“ will keine stabile Definition
finden (vgl. Desel, 2001). Eine oft kritisierte, aber viel zitierte
Definition der Informatik von Wilfried Brauer lautet:
„Informatik ist die Wissenschaft, Technik und Anwendung
der maschinellen Verarbeitung und Übermittlung von Informationen.
Ergänzend, meine ich [d.h. Brauer] heute, muss man hinzufügen:
Ziel der Informatik ist die Entwicklung von Assistenzsystemen, die
Menschen bei allen Arten von (geistigen) Tätigkeiten unterstützen.“
(Brauer, 2001, S. 24)
Mit dieser Definition bezieht Brauer die Informatik auf den menschlichen
Intellekt. Computersysteme sollen Daten maschinell so verarbeiten,
dass Menschen in den dargestellten Symbolen (Zahlen, Sprachen,
Buchstaben, Bildern) wichtige Informationen interpretieren und als
Wissen verstehen können. Für diese klassische Kerninformatik
steht beispielsweise die Platzreservierung für Züge oder
Flugzeuge. In vernetzten Computersystemen werden Daten darüber
gespeichert, welche Plätze zu Verfügung stehen. Je nach
Anfrage des Benutzers erzeugt das Computersystem aus den Daten
entsprechende Information bzw. symbolische Zeichen, die über
die Möglichkeit der Platzreservierung informieren und so zum
Wissen des Interpreten werden. Anders als in der Soziologie versteht
die Informatik unter Zeichen die Ziffern z.B. „2 – 5
– 5“ und geht davon aus, dass Zeichen innerhalb von
syntaktischen Regeln als Daten gelten (z.B. 255 Plätze), die
in einem gewissen Kontext (z.B. Flugzeugabfertigung) für den
Interpreten eine Information (z.B. 255 frei Plätze) darstellen
(vgl. Glossar: Daten). Der Symbolverarbeitungsansatz der traditionellen
Kerninformatik weist deutliche Bezüge zur Gesellschaft auf.
Symbole sind nämlich für die Soziologie nichts anderes
als vergesellschaftete Zeichen einer Sprachgemeinschaft, wie beispielsweise
die verbale Sprache, Bilder oder Piktogramme. Für die klassische
Informatik ist folgender Symbolverarbeitungsansatz typisch:
„Alles Wissen und alles, was geschehen soll, wird nur [in
Symbolen bzw. Zeichen] aufgeschrieben und muss erst von Menschen
interpretiert und in Handlungen umgesetzt werden.“ (Brauer,
2001, S. 26)
Die rechnergestützte Manipulation von Symbolen und Zeichen
ist für die Wissensgesellschaft eine sehr wichtige, aber nicht
mehr die einzige Aufgabe, die die Informatik erledigen soll. Neben
dem Symbolverarbeitungsansatz nennt Brauer die Physikbezogene Informatik
und die Biologie-bezogene Informatik (vgl. Brauer, 2001, S. 26).
Die Physik-bezogene Informatik entwickelt Computersysteme, die beispielsweise
die Steuerung und Regelung von medizinischen Geräten, Automotoren
sowie „intelligenten“ Häusern übernimmt. Um
die Steuerung und Regelung vorzunehmen, operiert die Physik-bezogene
Informatik mit Messdaten (Index) und nicht mit Symbolen. Beispielsweise
reagiert das Antiblockiersystem (Abk.: ABS) im Auto auf Messdaten,
die die Blockierneigung des Rades bei starkem Bremsen verhindert.
Die Sensoren im „intelligenten“ Haus messen Raumtemperatur
und Luftfeuchtigkeit. Mittels Messdaten steuert das Physik-bezogene
Computersystem die Heizung oder die Zufuhr von Frischluft im Haus.
Zweifelsohne wirken Antiblockiersysteme und „intelligente“
Häuser indirekt auch auf die Gesellschaft. Es passieren beispielsweise
weniger Autounfälle bzw. sinkt der gesamtgesellschaftliche
Energieverbrauch. Physik-bezogene Computersysteme werden auch als
Embedded Systems bezeichnet und je nach Aspekt im Ubiqutious Computing
oder Ambient Computing eingesetzt.
Eine stärkere Beziehung von Informatik und Gesellschaft besteht
bei soziotechnischen Systemen. Soziotechnische Systeme haben eine
direkte Anbindung an den Menschen. Ein Verkehrssystem gehört
beispielsweise zu den soziotechnischen Systemen. Es regelt den Autoverkehr
und interagiert indirekt mit den Autofahrern. Gleichwohl orientiert
sich die Steuerung des Verkehrsystems an der Geschwindigkeit und
Zahl der Autos als physikalische Messdatengröße. Die
Insassen in den Fahrzeugen spielen für die Verkehrsregelung
keine Rolle. Die Physik-bezogene Informatik konstruiert daher Computersysteme,
die z.B. Verkehrs- oder Handelssysteme wie physikalische Systeme
behandelt. In der Software-Ergonomie und der Arbeitspsychologie
werden ebenfalls alle Computersysteme als soziotechnische Systeme
benannt, weil sie eine Anbindung an den Menschen haben.
Neben der rechnergestützten Verarbeitung von Zeichen, Symbolen
und physikalischen Messdaten existiert eine Informatik, die weitgehend
auf Modelle der Logik verzichtet, um alltägliche Fähigkeiten
von Lebewesen also auch Menschen zu simulieren. Zu den alltägli-chen
Fähigkeiten von Menschen gehören beispielsweise Emotionen.
Aufgrund von Emotionen entscheiden wir, ob wir motiviert sind,
ein interdisziplinäres Lehrbuch zu lesen oder bei Onlinerollenspielen
teilzunehmen. Auch das Erkennen und Benennen von Gegenständen
in unserer Alltagswelt stellt bisher eine große Herausforderung
für die Informatik dar. Lebensformen zeichnen sich natürlich
auch dadurch aus, dass sie zur Fortpflanzung, Wachstum und Evolution
fähig sind. Um solche komplexen Dynamiken und Ungenauigkeiten
lebendiger Organismen anzudeuten, charakterisiert Brauer diese verhältnismäßig
junge Informatikdisziplin vorläufig als Biologie-bezogene
Informatik bzw. auch Bioinformatik. Die Biologie-bezogene Informatik
simuliert Strukturen und Verfahren, die Fehler, Unvollständigkeiten
und Ungenauigkeiten ähnlich wie Lebewesen kompensieren können.
Dazu gehört auch die Entwicklung von Systemen, die Gestalt
erkennen, dynamische Systeme steuern und regeln sowie zielgerichtet,
interessengeleitet und sinnbezogen handeln können. Die Biologie-bezogene
Sicht führt zur NeuroInformatik, verhaltensbasierter Künstlicher
Intelligenz (KI), Neuro-Linguistik, Computational Intelligence und
Artificial Life (AL).
Mit Brauer wurden die drei wichtigsten Orientierungspunkte der gegenwärtigen
Informatik genannt. Doch meist setzen die InformatikerInnen ihrer
Disziplin keine definitorischen Grenzen. Ganz pragmatisch nutzt
die Informatik alles, was die angestrebte Funktionalität eines
Computersystems erhöht. Daher definiert die Informatik sich
über die altbewährte Einteilung ihrer Fachgebiete an den
Hochschulen.
Sowohl die Gesellschaft für Informatik (vgl. www.gi-ev.de,
2004) als auch z.B. Friedrich (vgl. 1995, S. 6) unterscheiden folgende
Fachgebiete der Informatik:
• Theoretische Informatik – Sie stellt die mathematische
Basis bereit. Dazu gehören u.a. Komplexitätstheorie, Automatentheorie,
Theorie formaler Sprachen, Theorie der Berechenbarkeit.
• Praktische Informatik – Sie entwickelt u.a. Methoden
und Modelle für Programmiersprachen, Mensch-Computer-Interaktion,
Softwaretechnik sowie wissensbasierte Systeme. Informationssysteme,
Betriebssysteme und Kommunikationssysteme sind ebenfalls Gegenstand
der Praktischen Informatik.
• Technische Informatik – Sie befasst sich mit Schaltungen,
Rechnerarchitektur, parallele und verteilte Systeme sowie Signal-
und Bildverarbeitung.
• Angewandte Informatik – Sie umfasst die Entwicklung
und Analyse von Methoden, die bei der Anwendung der Informatik in
anderen Wissenschaften eingesetzt werden. Vielfach beschäftigt
sie sich dabei mit Problemen, die von mehreren Anwendungsgebieten
gemeinsam – also interdisziplinär – gelöst
werden. Dazu gehören auch Aspekte der Dialogsysteme, Lehr-
und Lernsysteme, Systemanalysen sowie die grafische Datenverarbeitung.
Innerhalb der Angewandten Informatik strebt die Medieninformatik
eine exponierte Stellung an. Sie vereint die technische und visuellkommunikative
Mediengestaltung von Computersystemen mit soziologischen, juristischen,
ökonomischen, politischen und medientheoretischen Forschungsergebnissen.
Insofern ist die Medieninformatik eine Weiterentwicklung der Informatik
in Richtung vernetzter, interaktiver und nicht diskreter („analoger“)
Systeme und Anwendungen. Wenn im Folgenden mitunter nur die Angewandte
Informatik genannt wird, ist die Medieninformatik definitionsgemäß
integriert und mitgemeint (vgl. Herczeg, 2007).
• Informatik und Gesellschaft (kurz IuG) – Dieser Schwerpunkt
analysiert die Wechselwirkungen von Informationstechnik, Individuen
und Gesellschaft. Für die Informatik stehen hier Kriterien
und Methoden zur Gestaltung sozialverträglicher Informationssysteme
im Mittelpunkt. Das Verhältnis von Informatik und Gesellschaft
ist nicht zu verwechseln mit dem von Informatik und Soziologie,
denn Soziologie ist die Wissenschaft von der Gesellschaft, aber
nicht diese selbst.
Die unterschiedlichen Fachgebiete der Informatik verweisen auf
facettenreiche Strukturen und Methoden ihrer wissenschaftlichen
Disziplin. Die „Gesellschaft für Informatik“ (GI)
fixiert sich nicht auf eine Definition der Informatik. Dies begründet
sie damit, dass fixierte Inhalte der Informatik sich in absehbarer
Zeit als veraltet oder als zu eng erweisen könnten und wahrscheinlich
auch werden (vgl. http://www.gi-ev.de/themen/was-ist-informatik/).
So gehört es zum Selbstverständnis der Informatik, innerhalb
ihrer Disziplin zu fragen, welche Folgen die automatisierte Informationsverarbeitung
für die Gesellschaft, die Umwelt, für das Individuum hat,
ob sie vertretbar sind und wo Grenzen liegen sollen. Auch andere
Fachbücher halten die Informatik für alle erdenklichen
Anwendungsfelder offen. Insofern lässt sich mit zugeneigter
Ironie definieren: Die Welt der Informatik ist alles, was sie als
ihre Aufgabe begreift. Mit etwas mehr Spaß schreibt der Informatiker
Wolfgang Coy über seine Disziplin: „Unsere Lösung
ist ihr Problem“ (Coy, 2001, S. 16). Damit meinte Coy zweifelsohne
vorrangig die Softwarelösungen für Computerbenutzer.
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1.2.2
Was ist Medieninformatik? |
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Die Entwicklung zu einer vernetzten
Mediengesellschaft vollzog sich in den letzten 10 Jahren äußerst
zügig. Im Jahr 2006 nutzten bereits 50,7 Millionen Deutsche das
Internet – das entspricht 58,6 Prozent der Bundesbürger
über 14 Jahren (vgl. Emnid, 2006). Aus soziologischer Perspektive
steht die Medieninformatik in enger Wechselwirkung zu den strukturellen
Veränderungen unserer Mediengesellschaft. Viele Individuen kommunizieren
und interagieren mit vielfältigen Anwendungen, an deren Entwicklung
sich die Medieninformatik beteiligt. Wie einflussreich Medieninformatik
in struktureller Wechselwirkung mit der Gesellschaft ist, hängt
von ihrem Einfallsreichtum ab, mit dem sie die Wurzel der Vergesellschaftung
– also die Kommunikation selbst – mitgestaltet. Im Schwerpunkt
arbeitet die Medieninformatik an technischen Strategien der Mediengestaltung.
Einerseits gestaltet sie Medien für die Kommunikation zwischen
Menschen – d.h. Mensch-Mensch-Kommunikation. Andererseits gestaltet
sie Medien als ein Handlungsmedium für die Mensch-Maschine-Interaktion
bis hin zur Maschine-Maschine-Interaktion und Mensch-Mensch-Interaktion.
Im Kern arbeitet die Medieninformatik daran, Medien zu gestalten,
damit Anwender mit anderen Anwendern oder (Rechen-)Maschinen in kommunikativen
oder interaktiven Kontakt kommen können.
Die Medieninformatik hat entsprechend ihrer praxisorientierten Wurzeln
in der Angewandten Informatik keine allgemeingültige Definition.
Was die Medieninformatik gegenwärtig ist, lassen Hochschulen
in ihrer Lehrpraxis erkennen. Mitte der 90er Jahre entwarfen sie die
Studiengänge für Medieninformatik (s. Universitäten
bei www.medienstudienfuehrer.de; www.CVMI.net). Alle Entwürfe
der Studiengänge reagieren darauf, dass multimediale, interaktive
Systeme sowie deren Vernetzung einen wachsenden Innovationsdruck auf
die Gesellschaft ausüben.
Sowohl die technischen als auch die gesellschaftlichen Entwicklungen
wurden im Entwurf der Medieninformatik berücksichtigt. Sie kombiniert
erstens die technischen Grundlagen moderner Computernetze mit der
praktischen Informatik (Software-Entwicklung) und deren Anwendungen
in elektronischen Medien. Zu diesen technischen bzw. technologischen
Grundlagen der Medieninformatik gehören:
• Netzwerke
• Software-Entwicklung und -Engineering
• Internet-Technologien (Hypermedia)
• Multimedia-Programmierung und Präsentationstechniken
• Dokumenten- und Workflow-Management Und die Medieninformatik
nimmt zweitens die interdisziplinären Perspektiven ein, um
die Informationstechnik so funktional wie möglich auf die Kommunikation
von Individuen, Wirtschaft und Gesellschaft abzustimmen. Zur Optimierung
der Informationsprozesse integriert die Medieninformatik folgende
interdisziplinäre Schwerpunkte:
• Allgemeine medientheoretische Grundlagen der Medien und
Kommunikationswissenschaft, Zeichentheorie (Semiotik)
• Mediengestaltung (Design) in ökonomischen, sozialen
und kulturellen Kontexten menschlicher Kommunikation und Kooperation
• Mediensoziologie und Medienpolitik hinsichtlich Entwicklung
der Gesellschaft (Trendanalysen, Technikfolgenabschätzungen)
• Technische Mediengestaltung (Physiologische und psychologische
Grundlagen, Medienergonomie, Usability)
• Betriebs- und volkswirtschaftliche Grundlagen der Internetökonomie
(Wirtschaftsinformatik)
• Medienmanagement (Marketing, Publizistik)
• Juristische Aspekte (Medien-Recht)
• Ethik und Moral in vernetzten, interaktiven Medien
Die technische und interdisziplinäre Vielfalt der Medieninformatik
verbindet die Informatik mit unterschiedlichen Anwendungsfächern.
Zwar existiert nach Steinmüller eine Kluft zwischen Informatik
und der Anwendung in anderen Wissenschaften. Doch für ihn gilt:
„Angewandte Informatik überbrückt diese Kluft“
(Steinmüller, 1993, S. 45). Desgleichen erfüllt Medieninformatik
eine offensichtliche Brückenfunktion zu anderen wissenschaftlichen
Disziplinen. Mit Steinmüller wäre zumindest denkbar, dass
Medieninformatik auch koordinierende Funktionen übernimmt.
Sie müsste dafür die formalen, analytischen und konstruktiven
Anteile der Informatik mit den Methoden und Lehren der Sozial-,
Medien-, Kommunikati-ons- und Wirtschaftswissenschaften verbinden.
Von der Angewandten Informatik erwartet Steinmüller sogar,
dass diese eine „Vorreiterfunktion“ übernimmt,
„soweit sie als Transfer-institut für Fragestellungen
der Praxis an die Theorie der Informatik dient“ (Steinmüller,
1993, S. 45). Für solche Zukunftsaussichten ist die Medieninformatik
bisher zu unentwickelt. Trotzdem konzentrieren sich in der Medieninformatik
viele interdisziplinäre Anforderungen und Fragestellungen,
die auch den Alltag einer informationellen Netzwerkgesellschaft
bestimmen (vgl. Herczeg, 2007). Wie weit die Informatik sich mit
dem Thema der Gesellschaft auseinandersetzt, zeigt das nächste
Kapitel auf. Für die nächsten Jahre kann eine zunehmende
Kooperation zwischen Wissenschaften der Informations- und der Kulturtechniken
prognostiziert werden und sie ist auch notwendig. Denn die weiteren
Organisationsgrade der globalen Vergesellschaftung von Individuen
benötigen eine kulturübergreifende Informationstechnik.
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1.2.3
Wie bezieht sich Informatik auf Gesellschaft? |
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Die Schnittmenge der Forschungsbereiche
von Soziologie und Angewandter Informatik bzw. Medieninformatik
ist die Gesellschaft. Trotz dieser Schnittmenge im Forschungsgegenstand
blieb der interdisziplinäre Diskurs zwischen den beiden Fachrichtungen
zögerlich. Allenfalls im lockeren Kontakt zur Informatik erforscht
die Soziologie den Zusammenhang von Gesellschaft und Informationstechnik.
Auf der fachlich gegenüberliegenden Seite konstruiert die Angewandte
Informatik informationstechnische Systeme, deren Gesellschaftsorientierung
in der Benutzerorientierung zum Ausdruck kommt. Diese Berücksichtigung
sozialer Einflussgrößen in der Angewandten Informatik
zieht aber keinesfalls eine starke Beachtung der Soziologie nach
sich. Soziologie als Reflektionstheorie der Gesellschaft wird wenig
berücksichtigt, weil sich der Schwerpunkt „Informatik
und Gesellschaft“ (IuG) auf kleine handlungsorientierte Kontexte
ausrichtet, in denen die Informationstechnik zunächst funktionieren
soll. Auf komplexe gesamtgesellschaftliche Folgewirkungen und größere
soziale Zusammenhänge ist die Informatik als Wissenschaft
selbstverständlich nicht zugeschnitten. Der Schwerpunkt IuG
reflektiert weniger die Gesellschaft als Ganzes, sondern mehr die
aktuelle gesellschaftliche Praxis, in die sich Informationstechnik
integrieren soll. Aus diesem Grund beschäftigen sich die Lehrbücher
zur IuG vorrangig damit, wie Informationstechnik im Bildungsbereich,
Arbeitsmarkt, Politik, Innere Sicherheit usw. ihre Funktion erfüllt.
Die Informatik verfährt hier oft nach Nützlichkeitsabwägungen,
die sie auf einen allgemeinen Utilitarismus westlicher Kultur ausrichtet.
In allen Sozialkontexten scheint ihr Zweck im konkreten Nutzen (Utilitarismus)
zu liegen, den die Informationstechnologie für das Individuum
oder den sozialen Kontext stiftet. Der Schwerpunkt „Informatik
und Gesellschaft“ verwendet dafür meist eigene Theoreme
zur Gesellschaft, obwohl die Soziologie vielfach etwas zu ergänzen
und selbstständige Studien zu bieten hätte.
Nichtsdestoweniger reflektiert die Informatik im Schwerpunkt IuG
ihre Funktion in der Gesellschaft und ihre Verantwortung für
die Gesellschaft. Sie versteht sich selbstredend als Teil der Gesellschaft
innerhalb derer sie Informationstechniken plant und konstruiert.
Die Bezüge, Interessen und Berücksichtigungen der Informatik
in der Gesellschaft zeigt folgende Grafik:
Abb. 1.2 Informatik und Gesellschaft (nach Herrmann, 2001, S. 8)
Die Informatik hat eine wissenschaftliche und eine praxisorientierte
Seite. Die wissenschaftliche Seite erforscht die Technik unter Einsatzbedingungen
in der Gesellschaft und nutzt diese Forschungsergebnisse wiederum
für die Ausbildung von Studierenden. Gleichzeitig erfolgt die
Ausbildung von Benutzern und Anwendern auch im Rahmen der Praxis.
Mit diesem Praxisbezug begründet Herrmann den entscheidenden
Einfluss der beruflichen Ausbildung auf die universitäre Informatik.
„Mit Hilfe einer Entwicklungsumgebung werden Informations
und Kommunikationssysteme […] durch Akteure der Praxis entwickelt
und unter Mitwirkung der Anwender, die ein System in Auftrag geben
oder auswählen, zum Einsatz gebracht“ (Herrmann, 2001,
S. 8). Zur Praxis gehören die Beratung der Anwender, der Entscheidungsträger
sowie die Entwicklung der IuK-Technik in Bezug zu sozialen Systemen.
Insbesondere die Einsatzumgebung erfordert die Maßgaben, „in
welcher Weise das System von wem und für welche Aufgabe genutzt
wird“ (Herrmann, 2001, S. 8). Zunächst sind es die Anwender,
wie z.B. Unternehmen, Administratoren, Einkäufer, die die Entwicklung
bzw. den Kauf einer Informationstechnik veranlassen. Sobald die
Informations- und Kommunikationstechniken in die alltägliche
Einsatzumgebung eingebettet wurden, können die eigentlichen
Aufgaben von den Benutzern bearbeitet werden. Die Bewältigung
der Aufgaben setzt einen „gesellschaftlichen“ Lernprozess
der Benutzer voraus. Lehnen die Nutzer die IT ab oder bringen keine
Lernmotivation auf, setzt sich die Anwendung in der Gesellschaft
nicht durch. Ob beispielsweise das Universal Mobile Telecommunications
System (UMTS) von den Nutzern angenommen wird, darum bangen die
Anwender in den Telekommunikationsunternehmen bis heute.
Die Selbstbeschreibung des Fachgebiets „Informatik und Gesellschaft“
impliziert unausgesprochen das Verhältnis von Informatik und
Soziologie. Bisher existieren jedoch wenige wissenschaftliche Verbindungen
zwischen beiden Disziplinen. Über die unausgesprochene Verbindung
ließe sich spekulieren, dass die Angewandte Informatik die
informationstechnischen Systeme entwickelt, deren gesellschaftliche
Auswirkungen die Technik und Medien-soziologie erforscht. Hätte
sich seit den 60er Jahren ein fruchtbarer Diskurs zwischen der Informatik
und den Sozialwissenschaften entwickelt, dann hätte vermutlich
die Informatik in Deutschland keine eigene organisatorische Struktur
für das Verhältnis von Informatik und Gesellschaft etabliert.
Wie K.-H. Rödiger überaus kritisch darlegt, versuchte
die Informatik seit 1970 das Verhältnis von Informatik und
Gesellschaft ohne Unterstützung anderer Sozialwissenschaften
auszuarbeiten. In den 60er und 70er Jahren wäre die deutsche
Informatik eventuell weniger staatlich gefördert worden, wenn
sie während des Kalten Krieges mit einer an Marx orientierten
Soziologie z.B. einer „Kritischen Theorie“ hätte
kooperieren wollen. Insofern bestehen historische Gründe, warum
die interdisziplinäre Kooperation erst heutzutage möglich
ist. Wissenschaftlich fruchtbar ist die Kooperation allemal. Nach
Rödigers Ansicht wurde das Verhältnis von Informatik und
Gesellschaft bisher von keinem deutschsprachigen Lehrbuch fundiert
dargelegt (vgl. Rödiger, 2002). Allerdings haben viele Informatik-Institute
den interdisziplinären Diskurs zum Verhältnis von Informatik
und Gesellschaft begonnen.
Die umfangreichste Fundierung des Verhältnisses von „Informationstechnologie
und Gesellschaft“ arbeitete Wilhelm Steinmüller (1993)
aus. Mitunter verästelt sich seine Einführung in die Angewandte
Informatik in allzu feine Zweige des philosophischen, juristischen
und soziologischen Diskurses. Im Vergleich zu neueren Einführungen
weicht jedoch Steinmüller keiner Frage aus. Er begründet
beispielsweise die Angewandte Informatik in ihrer Wissenschaftlichkeit.
Denn sie versuche die Problemfelder der Beziehungen zwischen Informationstechniken
und Gesellschaft mit rationalen Mitteln zu lösen. „Angewandte
Informatik ist Wissenschaft [zweifellos] nicht für sich allein,
sondern zusammen mit den speziellen Informatiken […].“
(Steinmüller, 1993, S. 59). Des Weiteren bietet Steinmüller
viele brillante Formulierungen, die auch das Fachgebiet „Informatik
und Gesellschaft“ thematisieren. In geisteswissenschaftlicher
Begriffsführung befindet Steinmüller:
„Die in Deutschland allgemein akzeptierte Bezeichnung ‚Informatik
und Gesellschaft‘ ist nicht sehr glücklich, da sie eine
Wissenschaft zu einem ihrer Gegenstände in gleichrangige Beziehung
setzt, also auf zwei logischen Ebenen zugleich operiert. Korrekt
ist, dass es sich um eine Beziehung handelt; jedoch ist die Beziehung
zwischen der Einführung computerunterstützter Technik
und der Gesellschaft, wozu selbstverständlich auch die Beziehung
zu den zugeordneten Wissenschaften gehört (in der Hauptsache
Informatik und Sozialwissenschaften).“ (Steinmüller,
1993, S. 39)
Deutlicher als bei Steinmüller lässt sich die Beziehung
zwischen Informationstechnik und Gesellschaft bzw. Informatik und
Sozialwissenschaften nicht beschreiben, obwohl bis heute die eigentlich
obsolete Gegenüberstellung verwendet wird. Es ist daher für
die Bezeichnung „Informatik und Gesellschaft“ zu hoffen,
dass das Gesagte auch das Gemeinte darstellt – also Informatik
nicht mit Informationstechnik und Sozialwissenschaft bzw. Soziologie
nicht mit Gesellschaft verwechselt wird.
Konträr zu der Einführung von Steinmüller zeigen
Friedrich; Herrmann; Pescheck; Rolf (1995) mit ihrem Lehrbuch „Informatik
und Gesellschaft“, wie Angewandte Informatik sich an gesellschaftlichen
Erfordernissen ausrichtet. Dem Lehrbuch der vier Herausgeber wirft
Rödiger harsch vor: dass sie „[…] gar nicht erst
den Versuch einer theoretischen Fundierung oder einer Begründung
der Themenwahl“ starten (Rödiger, 2002, S. 30). Das Buch
„Informatik und Gesellschaft“ hält sich nicht mit
anspruchsvollen Theorien und Herleitungen der Sozialwissenschaften
auf, sondern die vielen Autoren stellen ihre anwendungsorientierten
Perspektiven einer sozialorientierten Informatik der Praktiker vor.
Zudem werden vielfältige Einsatzbereiche der Informationstechnik
dargestellt und erklärt. Dazu gehört die Computerunterstützung
in der Produktion, Material- und Güterlogistik. Und es gehören
die Einsatzbereiche dazu, in denen Informationstechnik diverse Dienstleistungen
erleichtert, die Überwachung in der Arbeitswelt unterstützt
sowie im Bildungsbereich wichtige Vermittlungsaufgaben übernimmt
usw. Insofern bietet das Lehrbuch eine gute Übersicht über
die Informatik in der Berufspraxis.
Bleiben noch die umfangreichen „Tübinger Studientexte
Informatik und Gesellschaft“ (Universität Tübingen,
1999) und das „Studienbuch Informatik und Gesellschaft“
(Fuchs & Hofkircher, 2003) zu nennen. Detlev Krause und Herbert
Klaeren fungieren für insgesamt zehn Bände in der Reihe
„Tübinger Studientexte Informatik und Gesellschaft“
als Herausgeber. Obgleich die Bände sich nicht zu einem kohärenten
Ganzen summieren lassen, behandeln sie die jeweils ausgewählten
Themen fundiert. Aus der Perspektive der Angewandten Informatik
wird die Informatik als Wissenschaft reflektiert und in Bezug zur
Technikentwicklung,
Ethik, Geschlechterdifferenz, Arbeitswelt, Lebenswelt und zu weiteren
Themen gesetzt. Studierende der Informatik werden zum Nach- und
Mitdenken darüber aufgefordert, wie die Einbindung der Informationstechnik
in soziale Zusammenhänge zu leisten ist. Dahinter verbirgt
sich eine aufgeklärte Einsicht. Nach dem Dafürhalten der
Autoren könne eine vollständig am Algorithmus orientierte
Informatik nicht ausreichen, um Informationstechnik in die sozialen
Kontexte und Diskurse adäquat einzufügen. Die Informationstechnik
orientiert sich oft schon deshalb an den sozialen Anforderungen,
weil die Informationsgesellschaft unaufhörlich ihre Kommunikationskultur
nuanciert und damit Absatzmärkte verändert. Nach Meinung
der Autoren sorgt die Teilnahme an den gesellschaftlichen Diskursen,
individuellen Emotionen und ökonomischen wie ästhetischen
Trends für die produktive Verunsicherung, aufgrund derer Leitbilder,
Methoden und die Angemessenheit von Modellen geprüft werden
können. Die „Tübinger Studientexte Informatik und
Gesellschaft“ bemühen sich ausdrücklich um einen
interdisziplinären Spagat:
• Einerseits wollen sie „mit den Mitteln der Sozial-
und Geisteswissenschaften die Wirklichkeit besser verstehen“
(Klischewski, 1999, S. 6).
• Und andererseits wollen sie „die Handlungsmöglichkeiten
des einzelnen (im Berufsalltag und in der Gesellschaft) deutlicher
aufzeigen“ (Klischewski, 1999, S. 6).
Dieser Spagat impliziert nach Meinung Klischewskis, dass „die
IuG-Fachvertreter/innen […] bestehende ökonomische, politische
oder gesellschaftliche Verhältnisse oft grundsätzlich
[kritisieren]“ (Klischewski, 1999, S. 6). Die kritische Distanz
macht Informatikern unterschiedliche Denkwerkzeuge nutzbar, mit
denen sie den Praxisbezug jeweiliger Informationstechnik optimieren
können. Diesen Balanceakt zwischen Gesellschafskritik und praktischer
Anwendbarkeit vollführen die „Tübinger Studientexte
Informatik und Gesellschaft“.
Das „Studienbuch Informatik und Gesellschaft“ von Fuchs
und Hofkircher weist ein hohes, soziologisches Niveau auf. Es liefert
wissenschaftliche Begründung in empirischer, theoretischer
und praktischer Hinsicht. Wie kaum ein anderes Studienbuch der Informatik
werden selbst Zukunftsvisionen einer besseren Informationsgesellschaft
entwickelt. Es wird eine profunde Übersicht über soziologische
Theorien gegeben, die für die Informatik wichtig sein könnten.
Mitunter versickert die Thematik von Informatik und Gesellschaft
in einem allumfassenden, d.h. holistischen Ansatz, der zu viele
wissenschaftliche Disziplinen für die Informatik interessant
machen will (Fuchs & Hofkircher, 2003, S. 78). Außerdem
leistet sich das Studienbuch zu kurze Ausflüge in soziologische
Theorien, die oft vollständig die Belange der Informatik vergessen.
Der einheitlichen Begründung des Fachgebiets von „Informatik
und Gesellschaft“ bleibt das Lehrbuch weiterhin schuldig.
Im deutschen Sprachraum orientieren sich die Bücher von Steinmüller
sowie Fuchs und Hofkircher am deutlichsten an den Sozialwissenschaften.
Zuversichtlich sehen Fuchs und Hofkircher die Einheit der Informatik
in folgender Fragestellung begründet: „Wie müssen
soziotechnische Systeme, die zur Unterstützung der (zwischen-
und über)individuellen Informationsverarbeitung gebraucht
werden, konzipiert und konstruiert, eingeführt und eingesetzt
werden, damit sie gesellschaftlichen Fortschritt ermöglichen“
(Fuchs & Hofkircher, 2003, S. 82). Sobald mit Fortschritt die
Verbesserung gesellschaftlicher Lebensbedingungen gemeint wäre,
würden kritische Sozialtheorien sofort einen unbegründeten
Kulturoptimismus diagnostizieren. Nichtsdestoweniger bemüht
sich das Fachgebiet „Informatik und Gesellschaft“ selbstredend
um positive Entwicklungen.
„Ausgehend von den Folgen der Informatik können Informatikerinnen
und Informatiker versuchen, bei der Gestaltung und Entwicklung
computerunterstützter Systeme unerwünschte gesellschaftliche
Wirkungen zu vermeiden oder – weitgehender – erwünschte
Wirkungen bewusst zu verstärken.“ (Friedrich u.a., 1995,
S. 1f.)
Ob die sozialen Konsequenzen einer Informationstechnik als erwünschte
bzw. unerwünschte Wirkungen eingeschätzt werden, hängt
von den Kriterien sowie Werten der jeweiligen Gesellschaften bzw.
sozialen Gruppen ab. Die einen erkennen beispielsweise in den OnlineDiskussionsforen,
den Chats, einen gesellschaftlichen Vorteil, indessen die anderen
eine fortschreitende Isolation und Medienverwahrlosung der Menschen
beobachten. In gewaltdarstellenden Computerspielen, wie z.B. Ego-Shootern,
sehen manche Journalisten und Wissenschaftler bereits einen Grund
für die Jugendkriminalität in unserer Gesellschaft.
Alle sozialen Entwicklungen infolge der Informationstechnik können
und sollen die Informatik als auch die Soziologie nicht abschätzen.
Wie weit die Informatik und Soziologie sich gegenüber der Gesellschaft
mitverantwortlich zeigen bzw. zeigen können, das bleibt in
der Schwebe fachlicher Diskussionen. Ein wahrheitsfähiger Standpunkt
ist in dieser Frage der Verantwortungsethik der Wissenschaften nicht
aufzubauen. Vielmehr sind fortwährend kritische Zeitpunkte
zu bestimmen, wann eine Diskussion über Technikfolgen in der
Gesellschaft erforderlich wird und wie die Diskussion in sowie zwischen
den beiden Wissenschaften geführt werden soll. Zudem zeigen
die fließenden Grenzen zwischen den Forschungsthemen der Informatik
und denen der Soziologie auf, wo Berührungspunkte zwischen
den beiden Wissenschaften in Bezug auf die Gesellschaft liegen.
Die beiden Wissenschaften beziehen sich unterschiedlich auf die
sozialen Folgen der Informationstechnik (IT). Zur Orientierung stelle
ich einige wichtige Forschungsthemen vor, die die jeweiligen Disziplinen
als ihre Aufgaben verstehen.

Tab. 1.1 Informationstechnik (IT) und Gesellschaft in der Informatik
und Soziologie
Die Forschungsthemen der beiden Disziplinen unterschieden sich
in der Vergangenheit im Praxisbezug. Die Informatik im Spannungsfeld
von IT und Gesellschaft antwortet praxisbezogen auf die Fragen
nach dem Wozu und dem Wie. Sie löst Probleme, indem sie einen
Chat-Room, einen Zoom, menschengerechte Arbeitsplätze gestaltet,
um z.B. dialogische Kommunikation mittels Schrift als soziale Praxis
zu verbessern. Diese Gestaltungsaufgaben der Informatiker erforderten
auch sozialwissenschaftliche Methoden, Informationstechnik praxistauglich
zu entwickeln. Von solchem Praxisbezug der „Gestaltung“
einer Gruppe, Gesellschaft oder Kommunikationssituation ist die
Soziologie teilweise entfernt. Die empirische und theoretische
Soziologie wollte gesellschaftliche Zustände und Prozesse erkennen,
verstehen und erklären. Sie wollte mit ihren Methoden nicht
die Gesellschaft konstruieren.
Ansätze zum Sozialingenieur oder zur Sozialtechnologie (engl.
social engineering) werden in der Kritischen Soziologie negativ
beurteilt. Diese Haltung wurde mit der Unmöglichkeit vollständiger
technokratischer Planung der Gesellschaft begründet. Man hatte
Angst, ingenieurswissenschaftliche Theorien über kausale Beziehungen
könnten instrumentalisiert und für die Planung des gesteuerten
gesellschaftlichen Wandels eingesetzt werden. Solchen Theorien der
Sozialtechnologie wirft die kritische Soziologie ein Positivismus
vor, der menschliches Leben auf anmaßende Berechenbarkeit
reduziert. Angesichts der gesellschaftlichen Komplexität sah
demgegenüber der Vertreter des Kritischen Rationalismus –
Karl Raymund Popper (1902–1994) – als einer der ersten,
dass im positiven Sinne ein „piecemeal engineering“
– d.h. eine „Stückwerk-Technik“ – für
die Planung kleiner Sozialsysteme praktikabel und nötig ist
(vgl. Popper, 2003). Werbung, Marketing und Meinungsumfragen nutzen
heutzutage beispielsweise sozialwissenschaftliche Methoden, um Märkte
und Lebensweltgruppen zumindest zu beeinflussen und planbarer zu
machen.
Das verkleinerte Pendant zur Sozialtechnologie sind im Bereich der
Informatik die sozio-technischen Systeme. Soziotechnische Systeme
setzen soziale und technische Systeme in eine Wechselbeziehung.
In Auskunft- oder Wissensmanagementsystemen gehen beispielsweise
Menschen und Maschinen eine interaktive Wechselbeziehung ein, die
als ein soziotechnisches System betrachtet werden kann. Ein Wissensmanagementsystem
als soziotechnisches System berücksichtigt zudem, von welchen
Alters-, Bildungs- und Kulturgruppen es bedient wird. Ursprünglich
beschrieb das Tavistock Institute (1951) mit dem Begriff, dass die
Arbeitseffektivität im Bergbau auf dem Zusammenspiel von Technik
und sozialen Bezügen beruht. Mumford übernahm den Begriff
für informationstechnische Systeme (vgl. Mumford, 1987). Allerdings
reichen die historischen Grundlagen für die Gestaltung von
Mensch-Computer-Systemen bis zu Willi Hellpach (1922) und Kurt Lewin
(1926) zurück (vgl. Greif, 1997, S. 15). Das Konzept der soziotechnischen
Systeme findet heutzutage in der Informatik meist dann Beachtung,
wenn Qualität und Produktivität in Arbeitsabläufen
verbessert werden kann (z.B. Softwareergonomie).
Anders als Soziologen sind Informatiker den soziotechnischen Systemen
gegenüber aufgeschlossen. Informatiker erkennen in der wechselseitigen
Interaktion von sozialen mit technischen Systemen die wesentliche
Basis für die Möglichkeit, praxisnahe Informationstechnik
für z.B. Krankenhäuser, Flughäfen und Atomkraftwerke
zu konstruieren. Zweifelsohne kommt dabei (hoffentlich) kein Informatiker
auf die Idee, die ganze Gesellschaft als ein soziotechnisches System
zu konstruieren. Die Gesellschaft als Ganzes ist zu komplex, als
dass alle Zusammenhänge beobachtbar wären. Ein soziotechnisches
System, wie ein Krankenhaus beispielsweise, lässt sich beobachten
und in Einzelheiten planen. Deshalb unterscheidet sich die Komplexität
sozialer Kontexte. Die sozialtechnologische Planung einer Gesellschaft
ist unmöglich, indessen die Konstruktion eines soziotechnischen
Systems noch überschaubar ist.
Wo die Soziologie die Informationstechnik in der Gesellschaft kritisch
betrachtet, sieht die Informatik in soziotechnischen Systemen eine
Chance, das Verhältnis von Informationstechnik und Gesellschaft
zu verbessern. Vor dem historischen Hintergrund, dass die großen
Planungen und Konstruktionen von Gesellschaften mit dem Marxismus
gescheitert sind, hat sich die Soziologie ab den 70er Jahren in
vielen Bereichen aus der Konstruktion von Sozialität zurückgezogen.
Erst mit der Formulierung der soziotechnischen Systeme innerhalb
der Informatik wächst wieder das soziologische Interesse, an
der Gestaltung von Software mitzuwirken und deren Anwendung in
Sozialkontexten zu evaluieren, um beispielsweise virtuelle Communities,
herrschaftsfreie oder gruppenkonstituierende Kommunikation aufzubauen.
Nichtsdestoweniger begegnen die beiden Wissenschaften der Gesellschaft
in ihren Hauptströmungen unterschiedlich:
• Die klassische Soziologie will keine politischen Handlungsanleitungen
erarbeiten, „sondern stellt sich die Aufgabe, gesellschaftliche
Zustände und Prozesse zu erkennen, zu verstehen und zu erklären“
(Klischewski, 1999, S. 19).
• Demgegenüber sieht der Fachbereich IuG die Rolle der
Informatik in der Gesellschaft „tendenziell als Gestaltungswissenschaft,
angelehnt an das angloamerikanische Verständnis von Design.
Für viele Vertreter von IuG ist damit die Zielsetzung der Informatik
klar: Die soziale Welt soll von der Wissenschaft [also der Informatik]
berücksichtigt werden; die Anwendung informatischen Wissens
soll sozialen und ethischen Zielen folgen“ (Klischewski,
1999, S. 19).
Als Gestaltungswissenschaft will sich Informatik in die Gesellschaft
integrieren, um ihr die bestmögliche Informationstechnik anzubieten.
Informatik beeinflusst dabei unser alltägliches Sozialverhalten,
z.B. darin wie wir die Applikationen E-Mail, SMS, Chaträume,
virtuelle Agenten oder sprachverarbeitende Systeme verwenden. Ihre
informationstechnischen Konstruktionen sollen sich in die Ziele
der jeweiligen Gesellschaft integrieren. Wie unsere Gesellschaften
bzw. unsere Weltgesellschaft beschaffen ist, kann und will die Informatik
nicht klären. Diese Lücke füllt die folgende Soziologie
vernetzter Medien. Sie zeigt auf, wie computerunterstützte
Mediensysteme die Gesellschaft verändern bzw. beeinflussen.
Die Ausgangsvoraussetzungen für eine Soziologie vernetzter
Medien zeigt folgendes Kapitel auf. Im Anschluss daran folgen konkrete
Statistiken zur globalen Vernetzung und grundlegende Theorien zum
Wandel der Informationsgesellschaft und der Informationstechnik.
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1.3
Soziologie vernetzter Medien |
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Im 14. Jahrhundert war China die
fortgeschrittenste Zivilisation der Welt. Die Chinesen erfanden
den Eisenguss, das Schießpulver, den Kompass und selbst das
Papier wurde in China 1000 Jahre früher eingeführt als
in Europa. Das Drucken begann bereits im siebten Jahrhundert. Manuel
Castells fragt sich, warum China als die fortgeschrittenste Zivilisation
der Welt ab dem 14. Jahrhundert seinen Vorsprung verlor (vgl. Castells,
2003, S. 9). Welche Interaktion zwischen Gesellschaft und Technik
führte in China dazu, dass die Gesellschaft ihr hoch entwickeltes
Niveau einbüßte? Die technologische Entwicklung allein
erklärt das chinesische Phänomen nicht. Die sich verlangsamende
Entwicklungsgeschwindigkeit führt Castells auf soziale Ursachen
zurück. Er stützt sich auf Untersuchungen diverser Wissenschaftler
und kommt zu dem Schluss, dass China ab dem 14. Jahrhundert eine
weit überzogene Bürokratisierung der Gesellschaft einführte.
Im Interesse des chinesischen Staates unter der Ming und der Qing-Dynastie
standen weniger technologische Innovationen, sondern er förderte
stärker die Künste, die Geisteswissenschaften und seine
kaiserliche Bürokratie. In der Folge konzentrierten die kulturellen
und gesellschaftlichen Eliten ihr eigenes Fortkommen auf jene drei
staatlich geförderten Arbeitsbereiche und vernachlässigten
die Weiterentwicklung der traditionellen Technologien. Die Geschichte
Chinas verdeutlicht, dass der technisch höchste Entwicklungsstand
sich nicht unabhängig von der Gesellschaft entwickeln und stabilisieren
kann. Technikentwicklung ist mit Kultur und Gesellschaft eng verbunden.
Das Japan des ausgehenden 19. Jahrhunderts belegt indessen, dass
staatliche Bürokratisierung auch in positiver Weise zu einem
Weltkonzern wie z.B. NEC (Nippon Electric Company: www.nec.com)
führen kann (vgl. Castells, 2003, S. 12).
Exemplarisch verdeutlicht die chinesische Vergangenheit, welche
starken Interaktionen zwischen gesellschaftlichen und technischen
Entwicklungen bestehen. Wie heutzutage gesellschaftliche Veränderungen
mit der Informationstechnik rückgekoppelt sind, erläutert
folgende Einführung in die Soziologie vernetzter Medien. Sie
konfrontiert sich dabei sowohl mit Entwicklungen der Gesellschaft
als auch der Informationstechnik. Ihre wissenschaftliche Basis begründen
einerseits die Technik- und Mediensoziologie und andererseits die
Informatik sowie Medieninformatik. Insofern fundieren die beiden
speziellen Soziologien eine empirische und theoretische Forschung,
indessen die Medieninformatik sich mit Konstruktionen in die gesellschaftliche
Praxis integriert. Der Fokus richtet sich dabei auf die Wechselbeziehung
von Gesellschaft und Informationstechnik. Der besondere Schwerpunkt
liegt auf den vernetzten, interaktiven Medien, die in die Unterhaltungselektronik,
die Telekommunikation als auch in die Computersysteme integriert
sind. Die gesellschaftswissenschaftliche Betrachtung bezieht sich
auf unterschiedliche Transformationsprozesse infolge der Informations-
und Kommunikationstechnik. Zu den weitreichensten Interdependenzen
zwischen Informationstechnik und Gesellschaftsentwicklungen gehören
gegenwärtig:
1. die Informatisierung – d.h. die intensive Integration der
Informationstechnik in alle Lebensbereiche und die wachsende wirtschaftliche,
kulturelle und soziale Bedeutung des Informationssektors.
2. die Wissensorientierung – d.h. die exponentielle Zunahme
naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und deren kurzlebige Gültigkeit.
3. Komplexität – d.h. der explosionsartige Anstieg verfügbarer
Informationen durch umfangreiche Datennetze.
4. die Globalisierung – d.h. die Zunahme und Intensivierung
nationenübergreifender wirtschaftlicher, kultureller und sozialer
Beziehungen.
5. die Mediatisierung und Mobilität – d.h. die sich beschleunigende
Marktdurchdringung integrierter multimedialer Universaldienste mit
vernetzten sowie mobilen Multitools, wie z.B. Personal Digital Assistants
(PDA) and Wireless Digital Assistants (WDA) Smartphones (PDA und
Mobiltelefonie).
6. Digital Divide – d.h. die soziale Ungleichheit, dass erst
ca. 10 Prozent der Weltbevölkerung über eine Basisqualifikation
zur Beschaffung und Nutzung der neuen Informationsvielfalt verfügen.
7. Ökonomische Wertschöpfungsprozesse – sie basieren
auf dem steigenden Einsatz der Informationstechnik und der zunehmenden
Wissensbasierung aller Berufe (vgl. Steinbicker, 2001, 7ff.).
Eine Soziologie vernetzter Medien moduliert oder simuliert nicht
Sozialität. Ihre Wissenschaftsbereiche zeigen die sozialen
Strukturen und Kontexte auf, die sich aus den Einsatzmöglichkeiten
neuer Informations- und Medientechnik ergeben. Die beginnende Durchdrin-gung
der Weltgesellschaft mit vernetzten, interaktiven Medien zieht sowohl
die technische als auch die soziale Vernetzung nach sich. Individuen
knüpfen soziale Beziehungen und nutzen dafür technische
Netze, mittels derer sie telefonieren, mailen, chatten, surfen,
simsen, Bilder sehen und Tonbeiträge hören. Natürlich
beeinflussen die vernetzten, interaktiven Medien auch die Kommunikation
zwischen Individuen. Kritisch bemerkt Thomas Steinmaurer, dass
die medialen Angebote „in einem immer größeren
Ausmaß zu medientypischen Verhaltens- und Denkweisen bis hin
zu Inszenierungsformen und Stereotypisierungen der Individuen in
der Mediengesellschaft“ (Steinmaurer, 2003, S. 9) führen.
Diese These bestä-tigt z.B. Cosplay – ein Kostümspiel
oder Lebenswelt-Rollentheater, dass sich die japanischen Mangas
(Comics) zum Vorbild nimmt (vgl. www.cosplay.com oder www.cosplay-heaven.de).
Nichts desto weniger war und ist es für Gesellschaften keineswegs
ungewöhnlich, dass sie Medien nutzen und infolge der Rezeption
zu medientypischen Verhaltens- und Denkweisen kommen. Vergesellschaftung
selbst ist auf irgendein Medium der Kommunikation angewiesen und
sei es nur das Licht, dass uns die Zeichen und Verhaltensweisen
anderer Menschen visuell wahrnehmen lässt. Die Soziologie vernetzter
Medien folgt der alten Frage danach, wie sich Individuen mittels
Kommunikation vergesellschaften. Dass dabei die vernetzte und interaktive
Computertechnik etwas an der Kommunikation verändert, ist –
locker gesprochen – seit der Einführung der Keilschrift
auf Tontäfelchen bekannt. Indessen wurden bis heute nicht mehr
als die wesentlichen Basisannahmen ausgearbeitet, wie die Kommunikations-
und Medientechnik die derzeitige Informationsgesellschaft verändert.
Sieben wichtige Anhaltspunkte für den tief greifenden Strukturwandel
in der Informationsgesellschaft umreißt Steinbicker. Er orientiert
sich dabei an Daniel Bell, Peter F. Drucker und Manuel Castells
– den drei bedeutendsten Theoretikern der Informationsgesellschaft
bzw. Netzwerkgesellschaft. Folgende gesellschaftliche Wandlungsprozesse
von der Industriegesellschaft zur Informations- und Netzwerk-Gesellschaft
stehen im Vordergrund:
1. Wachstum der Produktivität und Steigerung der Wertschöpfung:
Wissen, Innovationen, Aufmerksamkeiten und technische Entwicklung
der Informationsgesellschaft lösen die bisherigen Produktionsweisen
Arbeit, Kapital, Land, Maschinen und Energie der Industriegesellschaft
zunehmend ab.
2. Sozialer und ökonomischer Strukturwandel infolge der Informations-
und Kommunikationstechniken (IuK). Globalisierung der Finanz- und
Gütermärkte.
3. Wandel zu Organisationsformen einer Netzwerkgesellschaft, die
die alte Industriegesellschaft und deren Organisationsmodell einer
hierarchischen Bürokratie ablöst.
4. Strukturwandel der Arbeit: Wissensarbeiter, Experten und Techniker
übernehmen eine strategische Position in der Informationsgesellschaft.
Ebenfalls wächst die Bedeutung von administrativen Berufen
auf der Managementebene. Arbeitsplätze in der Landwirtschaft
und in der produzierenden Industrie verschwinden zugunsten von Dienstleistungen.
5. Soziale Ungleichheit: Bildung und Wissen gelten als wichtigste
Faktoren im Schichtungssystem der Informationsgesellschaft. Der
gesellschaftliche und ökonomische Status verliert an Bedeutung.
6. Wandel der Machtstrukturen – die traditionellen Rollen
des Staates, der Wirtschaft und der medialen Öffentlichkeit
konkurrieren mit der „subversiven“ Macht informationstechnischer
und sozialer Netzwerke. Z.B.: Patentrechte, Copyright und Marktregulierung
in Konkurrenz zu Open Source (www.opensource.org), Copy Left (www.gnu.org)
und zu vollständiger Deregulierung der Märkte.
7. Sozialer Konflikt zwischen hochqualifizierten Wissensarbeitern
(knowledge worker) und marginalisierten Dienstleistungsarbeitern,
die sich ohne qualifizierte Bildung, Information, Ressourcen oder
Macht hinter tradierten Codes und Werten zurückziehen (vgl.
Steinbicker, 2001, 9f.).
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1.4
Zusammenfassung: Soziologie |
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Mit dem Fachgebiet „Informatik
und Gesellschaft“ sensibilisiert sich die Informatik für
soziale Kontexte, in denen Informations- und Kommunikationstechnik
vielfältige Funktionen übernimmt. Zu den sozial sensiblen
Einsatzbereichen der IuK-Technik gehören die Arbeitswelt mit
ihrer Produktion, Material- und Güterlogistik, ihrer Dienstleistung
in Büro und Verwaltung sowie ihrer computergesteuerten Überwachung.
Auch die staatlichen Bereiche der Verwaltung, der Inneren Sicherheit,
des Militärs, des Gesundheitssystems und die Informationstechnik
im Bildungsbereich nimmt das Fachgebiet „Informatik und Gesellschaft“
in den Blick. Zur sozialorientierten Informatik gehört auch
die Technikfolgenabschätzung sowie die Arbeitsanalyse, die
Software-Ergonomie und rechtliche Rahmenbedingungen. Trotz dieses
breiten Interesses an der Gesellschaft sowohl in der Informatik
als auch in dem Fachgebiet „Informatik und Gesellschaft“
fehlt die soziologische Perspektive auf Informationstechnik und
Gesellschaft. Um diese Lücke zu ergänzen nimmt die Soziologie
vernetzter Medien ihren Ausgangspunkt in der Technik- und Mediensoziologie.
Die Techniksoziologie betrachtet Folgen der Informationstechnik
in der Gesellschaft, indessen analysiert die Mediensoziologie, wie
sich die Kommunikationsverhältnisse in der Gesellschaft verändern.
Zusammengenommen fokussiert die Soziologie vernetzter, interaktiver
Medien den Wandel, den die Informationstechnik in den Sozialstrukturen
und Kommunikationsverhältnissen der Gesellschaft bewirkt. Sie
ergänzt damit den Fokus, den das Fachgebiet „Informatik
und Gesellschaft“ auf die vielen Einsatzbereiche der IuK-Technik
hat, um die soziologische Perspektive auf soziale Ungleichheit,
Wertschöpfungsprozesse, Globalisierung, Strukturwandel der
Arbeit und Macht, Wissensorientierung der Gesellschaft sowie computerunterstützte
Vergesellschaftungsformen, die Ethik unserer Gesellschaft und weitere
Themen.
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